Malerei mit dem Fön
Anfang 2005 begann ich einen Fön zum Verteilen der Farbe zu benutzen. Hieraus entwickelte ich eine Technik, die  ich "flooding" nenne, was fluten, überfluten, überschwemmen (the flood = die Flut) bedeutet. Der Begriff ist der Psychologie entliehen. Er bezeichnet hier eine Konfrontationstherapie zur Behandlung von Phobien.
In meiner Malerei beziehe ich "flooding" nicht nur auf die technische Vorgehensweise sondern auch auf inhaltliche Aspekte meiner Arbeit, meine persönliche Auseinandersetzung mit einem Thema und  die damit verbundenen Empfindungen.
Wie auch im Surrealismus das Unbewusste maßgeblich am Enstehungsproßez beteiligt ist, nutze ich auch hier das Wechselspiel zwischen Zufall (Unterbewusstsein) und Steuerung und auch diese Arbeiten entstehen im schichtweisen Aufbau.

Informell

Es entstehen informelle  Arbeiten und teils pflanzlich-, organisch anmutenden Strukturen, die ich unter dem Arbeitstitel "natural web" (Naturgewebe) und "inner landscapes" (innere Landschaften) zusammenfasse. Beispielhaft hierfür sind u. a. die Arbeiten Nr. 134, 166 und 194 in der Rubrik Werke 2005-2006.
Die Bildfläche kann hier zur Projektionsfläche werden, für das, was der Betrachter hinter diesen Schichten vermutet. Nicht selten wird die Bildoberfläche auch befühlt, um festzustellen, ob man mit dem Finger in die Tiefe tasten kann? Ob sich das Gewebe zur Seite schieben lässt?

Formell
Die Nichtform des Gewebes verdichtet sich zur Form. Es entsteht ein Dickicht aus Ästen und Gestrüpp, fliegende Geschöpfe tauchen auf, symbolträchtig, für Freiheit, für Frieden, oder als Botschafter?  Hinter dem Dickicht und Gewirr, in der Tiefe des Bildes blitzt ein Stück Himmel. Ein Ausweg, der unheilvollen Stimmung zu entfliehen. (Arbeit Nr. 143)

Menschen
In einer Serie, gegen Ende des Jahres 2006, entstanden 12 Portraits, von bekannten und von unbekannten Personen, deren Schicksal mich bewegt, oder deren Ausdruck mich beeindruckt. Darunter auch das Portrait eines Gorillas. (Arbeit Nr. 225 unter Werke 2007-2008). Hier nutzte ich meine Föntechnik, um den Gesichtern Transparenz zu verschaffen. Auf mich wirken zum Teil  verletzt, verletzlich, verängstigt und trotz der fließenden Linien wie zu Eis erstarrt. Wir sind verletzlich, zerbrechlich.

Das All
Die Auseinandersetzung mit der Verletzbarkeit der Menschen und die aktuelle Diskussion um die stetige Erderwärmung und Klimaveränderung führte mich zu meinem anschließenden Thema. Unter dem Arbeitstitel "das All" entstanden Bilder, die mir die Schönheit und die Unendlichkeit unseres Universums, mit präsenter Erinnerung an die zahlreichen Planetenbeobachtungen in der Erkrather Sternwarte, wieder bewusst werden ließen. (2007-08, z.B. Nr. 238, 243, 246-250) Wo wir uns befinden und wie verletzlich und schützenswert dieser Planet ist, erschließt sich beim ersten Blick durch das Fernrohr ins All.

Rückblende
Anfang 2007 ging mein Blick zurück, auf  vergangene, persönlich erlebte Situationen und Träume. Es entstanden Arbeiten wie Szenen einer Rückblende. Sie  lassen dem Betrachter jedoch auch Erinnerungsraum an eigene Erlebnisse oder Träume. Auch hier kann die Bildfläche  zur Projektionsfläche der eigenen Geschichten und Erinnerungen werden. (z. B. Arbeit Nr. 254)

Orang-Utan
Durch ein geschenktes Buch und durch die Medien erfuhr ich Ende 2007, dass die Orang-Utan vom Aussterben bedroht sind und es entstand, nach einigen Besuchen im Zoo, Skizzen und Studien auf Papier (Rubrik: Arbeiten auf Papier), ein Gemälde in Öl und Acryl auf Leinwand, mit dem Tizel: "Die Orang-Utan sterben aus" (Nr. 255). Beeindruckende, sanfte, friedliche Menschenaffen, genetisch mit uns sehr eng verwandt, klettern durch schwarz verkohltes Geäst, welches schon die Rückkehr in den dahinter nur noch schwach zu erahnenden Urwald versperrt. Ihr Lebensraum wird brandgerodet.  Wie wird die Erde sein,  ohne Orang-Utans, ohne Eisbären, ohne…?

Kokon
Der Wunsch nach Ge- und  Verborgenheit, Entwicklung, Transformation.
Der Kokon, eine Umhüllung aus Gewebe, ein Gespinst, Schutzhülle, Verwandlung.  Was verbirgt sich hinter dieser Hülle? Auch hier ist der Phantasie des Betrachter keine Grenze gesetzt, bezüglich dessen, was er im Innern des Kokons vermutet (2007-08, z.B. 265, 268).
Unter dem Arbeitstitel "Kokon" sind auch Arbeiten auf Papier entstanden.

the deep
beschreibt die Annäherung an das, uns eigentlich verborgene Leben, in den Tiefen der Meere. Dort, wohin kein Sonnenstrahl das Dunkel erreicht, gibt es Leben, in den bizzarsten Formen und Farben. Geschöpfe, die aus sich selbst leuchten, zart und zerbrechlich, durchscheinend, nicht für das Licht geschaffen und vollkommen, nahezu lebensfeidlichen Umgebung vollkommen angepasst.
In freien Interpretationen nähere ich mich diesem faszinierendem Arbeitsthema (2009-10, z.B. Nr. 284, 295).

Erkrath
Mit diesem Titel greife ich eine in der Vergangenheit bereits erprobte Arbeitsweise wieder auf, bei der ich Sand in den unterschiedlichsten Farbschattierungen verwende, den ich im Wald zwischen Erkrath und Gerresheim finde. Diese Arbeiten haben darüber hinaus keine weitere, inhaltliche Bezüge zu dem Titel "Erkrath", sondern sind frei und intuitiv gearbeitet (2009-10, z.B. 297-303).

Variationen
Mit dem Thema" Variationen“ entwickelt sich quasi eine Art Essence und Verdichtung, der vorausgegangenen Bildprozesse. Ganz simpel und schlicht reduziert sich die Vielfalt der Formate und Bildträger auf das Quadrat aus Holz. Die Vielfalt der Formen, der Kokons und der Quallen und Tiefseegeschöpfe, dies alles verdichtet sich zum Kreis.

Geblieben ist die Schichtung, die Verhüllung, die Transparenz.
Die monocrom  flächigen Hintergründe sind auf ihre symbolischen Bezüge reduziert: Grün, oder schlicht das unbemalte Holz, stehen für die Natur. Das dunkle, matte, alles Licht schluckende Blau, für die Tiefe des Meeres und Rot für das Feuer, welches auch in Form von schwarzem Kerzenrauch in einigen "Variationen" zu finden ist (2009-10, Nr. 308 bis 356).

Arbeiten auf Papier
Teils in Anlehnung an meine aktuellen Arbeitsthemen, aber auch unabhängig von diesen und ganz frei, entstehen "Arbeiten auf Papier", die unter der gleichnamigen Rubrik  zu finden sind. Ich bin begeistert! Auch der Fön kommt oft zum Einsatz. Das Papier fordert mich in besonderer Weise zum "freien Arbeiten" heraus.

Der Einstieg über das "Vorbild" Surrealismus
hat mich auf meinen eigenen Weg gebracht.
Dabei ist für mich zunehmend der eigentliche Prozess des Malens, des Erforschens, des Verarbeitens und meine damit verbundene, persönliche Entwicklung in den Vordergrund gerückt. Die Ergebisse sehe ich oft kritisch, aber in der Unzufriedenheit steckt auch der Antrieb, weiter auf Entdeckungsreise zu gehen, in einer Welt, die mir unerschöpflich scheint.

Ulla Köchling, aktualisiert im März 2010

 

 
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